Digitalisierung des Bundeswehr-Heeres verzögert sich und verteuert sich
Der zugrunde liegende Beitrag ordnet das Thema aus einer kommentierenden Perspektive ein. Es gibt im Bundeswehr-Kosmos Themen, die Menschen aus unterschiedlichen Lagern in ihrer Rage vereinen.
Der zugrunde liegende Beitrag ordnet das Thema aus einer kommentierenden Perspektive ein. Es gibt im Bundeswehr-Kosmos Themen, die Menschen aus unterschiedlichen Lagern in ihrer Rage vereinen. Kriegsgegner*innen, das Verteidigungsministerium, Abgeordnete, Soldat*innen und sogar Rüstungslobbyist*innen sind auf ein Schwierigkeit wütend, das sich hinter einer Abkürzung verbirgt. Falls Sie Boris Pistorius mal auf einem E-Roller sehen, sich jedoch nicht sicher sind, ob das gerade wirklich der Verteidigungsminister war, machen Sie den D-LBO-Test! Rufen Sie ganz laut: Herr Pistorius, wie steht es um die Digitalisierung der landbasierten Operationen beim Heer? Zuckt er gefährlich zusammen, haben Sie richtig gesehen. Falls nicht, war es lediglich Armin Laschet. Bei dem Vorhaben handelt es sich um eines dieser Milliardengräber in der Bundeswehr, die alle sechs Monate für einen hysterischen Aufschrei sorgen und dann wieder zwischen Beschaffungsamt und Verteidigungsministerium vergessen werden. „Wir sind auf einem guten Weg“, ist der Satz, der meist zu hören ist, wenn es, vereinfacht gesagt, darum geht, das Heer für Einsätze mit dem Internet zu verbinden. Wie immer ist dieses Projekt voller Abgründe – es scheint, dass das Verteidigungsministerium bereitwillig in jedes einzelne hineingestürzt ist. Nachzulesen sind diese Eskapaden in meiner stets beruhigenden wehrtechnischen Gute-Nacht-Lektüre „Europäische Sicherheit und Technik“ (ESUT): Obwohl schon 2016 ein softwarebasiertes Funksystem zur Verfügung stand (dessen Entwicklung die Bundeswehr in Auftrag gegeben hatte) und das Verteidigungsministerium im Jahr 2018 die Digitalisierung der Landstreitkräfte als „entscheidend“ für die vernetzte Operationsführung bezeichnete – tat das Beschaffungsamt was?
Genau, es bestellte im Jahr 2021 30. 000 analoge Funkgeräte. Das Schwierigkeit, dass die Geräte auf dem technischen Stand der 80er-Jahre waren und nicht mehr gebaut wurden, weil sie nirgendwo mehr nachgefragt wurden, wurde für die Bundeswehr gern gelöst – es kostete lediglich 600 Millionen Euro. Eine Weinwanderung mit dem Beschaffungsamt Während Soldat*innen also weiterhin munter mit Geräten aus dem Technikmuseum unterwegs sind, geht das Verteidigungsministerium mutig voran – zumindest finanziell. Gepampert mit dem neuen Sondervermögen bewilligte der Bundestag im Dezember 2022 einen Rahmenvertrag für internetfähige und abhörsichere Funkgeräte für 2,9 Milliarden Euro. Dabei sollten allein die ersten 20. 000 Funkgeräte 1,35 Milliarden Euro kosten.
Gleich nachdem dieser Auftrag vergeben war, muss die zuständige Abteilung im Koblenzer Beschaffungsamt zu einer zehnmonatigen Mosel-Wanderung aufgebrochen sein. lediglich so kann man erklären, was danach passierte: Als die Firma die bestellen Funkgeräte lieferte, war man bei der Bundeswehr so überrascht darüber, dass man sie erst einmal einlagern musste. Das ist kein Scherz! Niemand hatte sich Gedanken über den Einbau der Funkgeräte in die Fahrzeuge gemacht. Pistorius wies die Verantwortung dafür von sich. „Der Auftrag ist erteilt worden im Dezember, also vor meiner Zeit. Ich wäre davon ausgegangen, dass man sich vor der Bestellung, jedoch mindestens mit der Bestellung Gedanken macht, wie die Integration erfolgt“, führte aus er Ende September 2023. Heute, drei Jahre später, ist die Umstellung immer noch eine so erhebliche Baustelle, dass eine Umrüstung der Fahrzeuge im Heer erst für Ende 2030 geplant ist.
Laut einem Fachmagazin erfolgt bis dahin der Datenaustausch zwischen digitalisierten und nicht digitalisierten Einheiten in Gefechtssimulationen per USB-Stick. „Man muss sich das sehr rustikal vorstellen: Ein Soldat kam mit einem USB-Stick, übergab ihn der Besatzung des Schützenpanzers, und diese speiste die Daten ein“, heißt es bei ESUT. Na dann, gute Nacht!
O.Vogel--BP