OnlyFans und die Plattformökonomie: Algorithmus als neuer Arbeitgeber
Die Plattform OnlyFans hat sich durch die Pandemie zu einem ökonomischen Schwergewicht entwickelt. Eine neue Studie beleuchtet die ambivalente Rolle der Creatorinnen: Sie gelten als selbstständige Unternehmer, stehen jedoch in einer tiefen Abhängigkeit von den Algorithmen und Geschäftsmodellen des Betreibers Fenix International.
Die Plattform OnlyFans hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Akteur der digitalen Wirtschaft entwickelt. Hinter dem Erfolg steht das Unternehmen Fenix International, das als Vermittler zwischen Millionen von Creatorinnen und ihren Abonnenten agiert. Eine aktuelle Untersuchung des Soziologen Pierre Brasseur an der Freien Universität Brüssel beschreibt die daraus resultierende Dynamik als »Kapitalismus des Begehrens« und analysiert die strukturelle Abhängigkeit der Nutzerinnen von der Plattformökonomie.
Brasseur hat im September 2026 sein Buch mit dem Titel »Onlyfans, le capitalisme du désir« veröffentlicht. Darin untersucht er die digitale Arbeitswelt, den emotionalen und unsichtbaren Arbeitseinsatz sowie die algorithmische Kontrolle über die Creatorinnen. Der Begriff der »totalen Selbstkommodifizierung« charakterisiert dabei das Phänomen, bei dem Intimität und Körperdarstellung in Ware verwandelt werden, während die Produktionsmittel formal im Besitz der Erstellerinnen bleiben.
Die wirtschaftliche Entwicklung von OnlyFans ist exemplarisch für den Aufstieg der Plattformökonomie. Während der Covid-Pandemie, als traditionelle Formen der Sexarbeit aufgrund des Ansteckungsrisikos weitgehend zum Erliegen kamen, suchten viele Beschäftigte nach digitalen Alternativen. Gleichzeitig verbrachten Menschen durch Kontaktbeschränkungen mehr Zeit zu Hause, was zu einem Anstieg der Aufrufe auf pornografischen Websites führte. Der Umsatz von OnlyFans stieg in dieser Phase von 0,27 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 auf 4,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 an. Für das Jahr 2025 wird ein Gesamtumsatz von 7,8 Milliarden US-Dollar prognostiziert.
Das Geschäftsmodell basiert auf einem Dreiecksverhältnis zwischen Creatorin, Plattform und Kunde. Etwa fünf Millionen Creatorinnen stehen weltweit rund 437 Millionen Abonnenten gegenüber. Ein Monatsabo kostet durchschnittlich zwischen zehn und 15 US-Dollar, mit einer Obergrenze von 49,99 US-Dollar. Ein Viertel der Accounts ist kostenlos und finanziert sich über sogenannte Pay-per-view-Inhalte. Von jeder Zahlung behält Fenix International eine Provision von 20 Prozent ein. Die restlichen 80 Prozent gehen an die Creatorinnen. Diese Quote liegt im Mittelfeld im Vergleich zu anderen Plattformen: Airbnb erhebt 15,5 Prozent pro Übernachtung, während Uber zwischen 25 und 35 Prozent verlangt.
Fenix International verzeichnete hohe Gewinne. Im Jahr 2024 belief sich der Vorsteuergewinn auf 684 Millionen US-Dollar, für 2025 sind es 715 Millionen Dollar. Der Gewinn wurde als Dividende an den alleinigen Eigentümer Leonid Radvinsky ausgeschüttet. Zwischen 2021 und Anfang 2025 erhielt Radvinsky insgesamt 1,8 Milliarden US-Dollar. Der ukrainisch-US-amerikanische Unternehmer starb im März dieses Jahres im Alter von 43 Jahren an Krebs. Das Unternehmen ging daraufhin auf eine Familienstiftung über. Zwei Monate nach seinem Tod übernahm ein Finanzinvestor für 535 Millionen US-Dollar etwa 16 Prozent der Firmenanteile.
Ein Grund für die Profitabilität sind die geringen eigenen Kosten. Fenix International betreibt kaum eigene technische Infrastruktur, sondern mietet Serverkapazität und Webservices beim Tech-Konzern Amazon. Die rechtlichen und psychischen Risiken liegen jedoch vollständig bei den Creatorinnen. Sie gelten als selbstständig, unterliegen aber einer erheblichen indirekten Kontrolle durch die Plattform. Ihnen stehen keine Lohnfortzahlung, Arbeitslosenversicherung oder Kündigungsschutz zu. Stattdessen tragen sie das volle Risiko der Onlinebelästigung und ihrer eigenen Steuerpflicht.
Obwohl die Creatorinnen formell Besitzerinnen der Produktionsmittel wie Kamera, Körper und Wohnung sind, liegt die entscheidende Infrastruktur – neben Serverkapazität vor allem die Zahlungsabwicklung, Nutzerdaten und der Algorithmus – bei OnlyFans. Studien zeigen, dass sich die Risiken im Vergleich zur Offlinesexarbeit verschieben: Während die physische Sicherheit durch den Wegfall des direkten Kundenkontakts steigt, treten digitale Gefahren wie Cyberstalking, Doxing und die illegale Weiterverbreitung von Inhalten hinzu.
Um ökonomisch erfolgreich zu sein, wird von den Creatorinnen oft eine permanente Erreichbarkeit erwartet. Eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit existiert häufig nicht, da jede verpasste Nachricht potenzielle Einnahmen bedeutet. Diese konstante Arbeitsbelastung kann zu psychischer Erschöpfung und Burnout führen. Eine Forschungsarbeit am Institut für Sexualpädagogik- und Sexualtherapie in Zürich beschreibt, wie Creatorinnen ihre Körper durch Kameraperspektiven, Teasing-Strukturen und personalisierte Content-Angebote für die Monetarisierung inszenieren.
Die ökonomischen Modelle variieren stark. Während einige Profile vollständig selbstorganisiert sind, nutzen andere agenturbasierte Rundumbetreuung. Wenn nachts und am Wochenende mehr Abonnenten online sind, können Creatorinnen nicht mehr jedem Fan persönlich antworten. Sie lagern die Kommunikation teilweise aus. Auch hier kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz. Das französische Unternehmen Desirely bietet KI-Lösungen an, die zunächst eine Beziehung zum Kunden aufbauen und Verlangen erzeugen, ohne Bilder oder Videos zu senden. Bei Kaufabsicht verhandelt die KI automatisiert den Preis.
Trotz des Erfolgs bleibt die kollektive Gegenwehr der Creatorinnen gering. Da sie als Millionen einzelne, formal selbstständige Konkurrentinnen isoliert und oft unter Pseudonym arbeiten, ist die Bildung eines Arbeiterinnenkollektivs erschwert. Eine Gewerkschaft existiert nicht. Im Jahr 2023 gab es Proteste, nachdem bekannt wurde, dass Radvinsky elf Millionen US-Dollar an die proisraelische Lobbyorganisation AIPAC gespendet hatte. Die Wirkung dieser Proteste ist unbekannt.
Aus feministischer Perspektive wird die Plattform kontrovers diskutiert. Sexpositive Feministinnen betonen Wahlfreiheit und ökonomische Selbstbestimmung. Andere Kritikerinnen argumentieren, OnlyFans kommodifiziere Frauenkörper innerhalb des patriarchalen Systems. Die Untersuchung von Pierre Brasseur liefert dabei eine fundierte Analyse der wirtschaftlichen Mechanismen, die hinter der digitalen Intimität stehen.
O.Vogel--BP